{"id":286,"date":"1999-06-20T16:00:21","date_gmt":"1999-06-20T14:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.liebetanz.com\/hsl\/?page_id=286"},"modified":"2017-07-16T15:29:37","modified_gmt":"2017-07-16T13:29:37","slug":"boxen-als-sport-der-immigranten-in-new-york","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.liebetanz.com\/hsl\/?page_id=286","title":{"rendered":"Boxen als Sport der Immigranten in New York"},"content":{"rendered":"<div id=\"id1\" class=\"style_SkipStroke shape-with-text\">\n<div class=\"text-content Normal_External_418_32\">\n<div class=\"Normal\">\n<p class=\"Title\">Ein kalter Novemberabend in Manhattan. Nachdem im B\u00fcroviertel an der Churchstreet sich langsam die meisten Angestellten auf den Weg nach Hause gemacht haben \u00f6ffnet ein Boxklub seine T\u00fcren. Zwei Etagen mu\u00df man in den Keller hinuntersteigen und pl\u00f6tzlich ist man in einer anderen Welt: der Raum ist gef\u00fcllt mit Stimmengewirr, Kinder toben herum, Leute stehen zwischen den Stuhlreihen, unterhalten sich angeregt und trinken aus der Flasche. An den W\u00e4nden Malereien von alten Boxstars wie Rocky Graziano und Jake la Motta. In der Mitte des Raums der Ring, auf gleich der Kampf beginnen wird. In der Umkleidekabine steht ein junger Mann mit entschlossenem Blick kurz vor seinem Fight. Nur die angespannten Gesichtsmuskeln verraten seine Nervosit\u00e4t. Ausstaffiert mit Helm &#8211; wie es sich bei Amateurk\u00e4mpfen geh\u00f6rt &#8211; die H\u00e4nde bandagiert, die Boxhandschuhe angezogen und festgeschn\u00fcrt. Gleich wird der T\u00fcrke Eugene Masat (29), der in M\u00fcnchen Schwabing aufgewachsen ist und dort bis 1991 lebte, um den Ehrentitel k\u00e4mpfen. Heute abend ist in dem Club \u201eHeavy Hands&#8221; in der Park Place Manhattans ein Freundschaftskampf zwischen mehreren Vereinen New Yorks. Die Heimstereoanlage kr\u00e4chzt und vermag kaum die Ansage des Ringrichters in den Raum zu \u00fcbertragen. Der Kampf beginnt. Sein Gegner Raul Rodrigez ist wie Eugene aus reiner Freude am Boxsport erst vor zwei Jahren in den Ring gekommen. Fairne\u00df ist das oberste Gebot und es geht bei den drei Runden eines Kampfes nicht darum, den Gegner k.o. zu schlagen, sondern vor allem um Schnelligkeit, Wendigkeit und die bessere Reaktion. Schon in der ersten Runde wird der Kampf abgebrochen, weil Eugene seinem Gegen\u00fcber haushoch \u00fcberlegen ist. Er h\u00e4tte so gerne alle drei Runden durchgeboxt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"style_SkipStroke_1 shape-with-text flowDefining\">\n<div class=\"text-content style_External_410_3271\">\n<div class=\"style\">\n<p class=\"Body\">Da\u00df Eugene sich einmal seinen Platz in Manhattan mit F\u00e4usten erobern wird, h\u00e4tte er sich vor einigen Jahren nie gedacht. 1991 ist er nach New York ausgewandert, um dort sein Gl\u00fcck zu versuchen und Schauspielerei zu studieren. Wie bei vielen Einwanderern in New York hat sich allerdings alles ganz anders entwickelt. Aus dem einstigen \u201eJob&#8221; als Barkeeper &#8211; er hat bei Schuhmann in M\u00fcnchen von der Pike auf gelernt, wie man gute Cocktails macht &#8211; ist mittlerweile sein Beruf geworden. Neben der gestylten Atmosph\u00e4re cooler Bars haben ihn aber immer auch typisch m\u00e4nnliche Sportarten fasziniert. Er h\u00e4lt viel von m\u00e4nnlich kultivierter Haltung und Begriffen wie Ehre und Fairne\u00df. So war es kein besonders gro\u00dfer Sprung f\u00fcr ihn von der Theke in den Boxring.<\/p>\n<p class=\"Body\">Eine seiner Kunden hatte gerade einen neuen Boxklub er\u00f6ffnet, nachdem der Sport in Manhattan in den letzten Jahren in New York ein Tief erlebt hatte und viele Vereine geschlossen wurden. Justin Blair (27) hat aus seiner Begeisterung seinen Beruf gemacht und leitet nun den Klub \u201eHeavy Hands&#8221; in der Church Street Manhattans, nur einen Steinwurf von den beiden T\u00fcrmen des World Trade Centers entfernt und in Fu\u00dfwegn\u00e4he zur New Yorker B\u00f6rse.<\/p>\n<p class=\"Body\">Immer wieder kann man in Magazinen die Erfolgsstories von Aussteigern lesen, die in New York eine steile Karriere gemacht haben. F\u00fcr die meisten Einwanderer ist es jedoch eine harte Zeit, sich seinen neuen Platz in einer zumeist fremden Gesellschaft zu erobern. Wer obendrein nicht den Vorteil hat, durch gute Vorbildung die Sprache auf Anhieb zu meistern und einen der begehrten Jobs in der Finanz- oder Modewelt zu bekommen, ist darauf angewiesen, sich seinen Lebensunterhalt mit Tagel\u00f6hnerarbeiten zu verdienen. Wer als Taxifahrer arbeitet, ist schon recht gut dran, obwohl auch hier der Lohn kaum mehr als die Miete aufbringt. Das Leben in New York ist teuer. Wenn man bedenkt, da\u00df eine kleine Einzimmerwohnung hier normalerweise umgerechnet DM 2.000,- kostet, wird schnell klar, weshalb man mit Aushilfsjobs hier nie auf einen gr\u00fcnen Zweig kommt.<\/p>\n<p class=\"Body\">Das Boxen war in Amerika schon immer ein Sport der Neuank\u00f6mmlinge: im letzten Jahrhundert waren die gr\u00f6\u00dften Stars im Ring irische und englische Namen wie Jacob Hayer und sein Sohn Tom in der ersten H\u00e4lfte des letzten Jahrhunderts. Um 1900 war das Boxen ein beliebtes Volksvergn\u00fcgen. Am Wochenende fuhren die New Yorker nach Coney Island, dem Vergn\u00fcgungspark an der Atlantikk\u00fcste, um dort Boxk\u00e4mpfe im Freien anzuschauen.<\/p>\n<p class=\"Body\">Die gr\u00f6\u00dften Publikumsmagneten waren jedoch die gro\u00dfen Profik\u00e4mpfe zwischen den beiden Weltkriegen, wie zum Beispiel die K\u00e4mpfe zwischen Max Schmeling gegen Joe Louis 1936 oder die Revanche am 22. Juni 1938 mit 75.000 Zuschauern im Yankee-Stadion, in dem der Deutsche schon nach 2 Minuten und 4 Sekunden ausgez\u00e4hlt wurde. Hitler soll vor damals vor Wut geschnaubt haben, da\u00df ein Schwarzer den deutschen Schmeling besiegte.<\/p>\n<p class=\"Body\">In der Zeit von Video und Kabelfernsehen hat der Sport allerdings einen Einbruch erlitten. Viele Boxklubs mu\u00dften in den letzten Jahren schlie\u00dfen. Justin Blair hat es in diesen schwierigen Zeiten trotzdem gewagt, einen neuen Verein zu er\u00f6ffnen und hat damit gro\u00dfen Erfolg.<\/p>\n<p class=\"Body\">F\u00fcr den Erfolg des Vereins \u201eHeavy hands&#8221; spricht vielleicht auch sein besonderes Konzept: der Klub soll sowohl ein offener Verein sein, als auch die Gelegenheit f\u00fcr private Veranstaltungen bieten. Justin Blair hat darum einen zweiten Ring in einem abgeschlossenen Raum eingerichtet, der s\u00e4mtliche Einrichtungen bietet, die sich Boxprofis w\u00fcnschen: neben den Sands\u00e4cken und Punching-Balls fehlt auch nicht die Stereoanlage im \u201eSepar\u00e9&#8221;. Dieser Raum wird zunehmend von den gro\u00dfen Profis wie Mike Tyson angemietet, wenn sie vor den K\u00e4mpfen unter Ausschlu\u00df der \u00d6ffentlichkeit und der Presse trainieren wollen. Ab und zu findet dort allerdings etwas ganz Besonderes statt: es sollen sich hier schon \u00f6fter rivalisierende Gruppen der B\u00f6rse eingefunden haben, um zur Beilegung ihrer Fehde ihre Chefs in den Ring zu schicken. Diese basis-demokratische Form der Konfliktl\u00f6sung bietet durch die M\u00f6glichkeit des Wettens obendrein die Gelegenheit, aus dem Verlieren des eigenen Teams noch Gewinn zu schlagen&#8230;<\/p>\n<p class=\"Body\">Wenn man in diesen Boxkeller Manhattans heruntersteigt, ist man \u00fcberrascht, welches Leben dort herrscht. Stark vertreten sind hier vor allem die Bev\u00f6lkerungsgruppen der L\u00e4ndern zu sehen, die die gr\u00f6\u00dften Einwandererzahlen in die USA stellen: Puertorikaner und Mexikaner, hier einfach die \u201eHispanics&#8221; genannt. In den letzten 25 Jahren hat sich ihr Anteil an der New Yorker Bev\u00f6lkerung von 17 auf 25% erh\u00f6ht.<\/p>\n<p class=\"Body\">Ganze Familien sind zu diesem Abend in den Verein gekommen. Kinder turnen in der Pause im Ring herum und spielen nach, was sie gerade im Kampf gesehen haben &#8211; und trotzdem ist es eine Atmosph\u00e4re, die alles andere als brutal oder gewaltt\u00e4tig ist, sondern vielmehr Volksfeststimmung, bei der jeder auf seine Kosten kommt. Hart und gerecht.<\/p>\n<p class=\"Body\">Justin Blair, der neben seiner Karriere als Boxmanager sein Studium in Anthropologie abgeschlossen hat, glaubt, da\u00df Boxen bei den Immigranten vor allem deswegen so beliebt ist, weil im Ring nicht mehr die Herkunft, sondern nur die Leistung z\u00e4hlt. F\u00fcr viele ist dies der einzige Ort, an dem f\u00fcr sie noch gesellschaftliche Anerkennung vorstellbar ist.<\/p>\n<p class=\"Body\">Am Tresen gibt es selbstgemachte Tacos und Empanadas, Softdrinks, Beck\u2019s und nat\u00fcrlich das mexikanische Modebier Corona. In den Pausen kann zu hei\u00dfer Salsa-Musik getanzt werden, so da\u00df der Besuch in den \u201eHeavy Hands&#8221; ein regelrechtes \u201eGesellschaftsereignis&#8221; wird.<\/p>\n<p class=\"Body\">Die Mischung bei einem solchen Boxkampf ist so einzigartig, wie sie nur in New York zu finden ist. Die Faszination des Boxsports geht durch alle Schichten, so da\u00df neben dem Tagel\u00f6hner, der sein Geld in einem Lebensmittelladen verdient, indem er Br\u00f6tchen belegt, hier unter Umst\u00e4nden der Wall-Street-Banker sitzt, der nach Feierabend hierher kommt, weil der Boxklub nur einen Steinwurf vom New Yorker Finanzzentrum entfernt ist.<\/p>\n<p class=\"Body\">So wundert es einen dann auch kaum mehr, da\u00df Eugene nichts Besonderes mehr dabei empfindet, an einem Abend im Schwei\u00dfe seines Angesichts mit den F\u00e4usten um die Ehre des Besten zu k\u00e4mpfen und am n\u00e4chsten Tag zur gleichen Zeit in der \u201eLot 61&#8243; &#8211; eine der angesagten Cocktailbars Manhattans an der 21sten Stra\u00dfe &#8211; hinter dem Tresen zu stehen und den Kunden die neuste Kreation aus seinem Shaker zu servieren.<\/p>\n<p class=\"Body\">Die Veranstaltungen des Boxklubs Heavy Hands (25 Park Place) k\u00f6nnen abgefragt werden unter Tel. 001-212-5171333 oder an der Internet-Adresse\u00a0<a title=\"http:\/\/www.nyboxinggym.com\" href=\"http:\/\/www.nyboxinggym.com\/\">www.nyboxinggym.com<\/a>. Die Adresse der Lot 61 ist:<\/p>\n<p class=\"Body\">550 21st street,<br \/>\nTel.: 001-212-2436555, Internet:\u00a0<a title=\"http:\/\/www.lot61.com\" href=\"http:\/\/www.lot61.com\/\">www.lot61.com<\/a><\/p>\n<p class=\"Body\">Text: Horst Seele-Liebetanz<br \/>\nFotos: \u00a9 Petra Liebetanz<\/p>\n<p class=\"Body\"><a href=\"https:\/\/www.liebetanz.com\/hsl\/journalism\/\">Back<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kalter Novemberabend in Manhattan. Nachdem im B\u00fcroviertel an der Churchstreet sich langsam die meisten Angestellten auf den Weg nach Hause gemacht haben \u00f6ffnet ein Boxklub seine T\u00fcren. 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