{"id":298,"date":"1999-01-20T16:00:10","date_gmt":"1999-01-20T15:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.liebetanz.com\/hsl\/?page_id=298"},"modified":"2017-07-16T15:29:37","modified_gmt":"2017-07-16T13:29:37","slug":"bremer-beutekunst-vor-gericht","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.liebetanz.com\/hsl\/?page_id=298","title":{"rendered":"Bremer Beutekunst vor Gericht"},"content":{"rendered":"<div id=\"id1\" class=\"style_SkipStroke shape-with-text\">\n<div class=\"text-content Normal_External_410_32\">\n<div class=\"Normal\">\n<p class=\"Title\">Eine ungew\u00f6hnliche Reise nach York hat vor zwei Wochen Anne R\u00f6ver-Kann aus Bremen angetreten. Nicht um sich das Empire State Building, den Central Park und das Guggenheim-Museum anzuschauen, ist sie \u00fcber den gro\u00dfen Teich geflogen, sondern um an einem Gerichtsproze\u00df teilzunehmen. Die Staatsanwaltschaft hat Anne R\u00f6ver-Kann als Zeugin nach New York eingeladen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"style_SkipStroke_1 shape-with-text flowDefining\">\n<div class=\"text-content style_External_410_2965\">\n<div class=\"style\">\n<p class=\"Body\">Die Bremerin mit der ruhigen Art und dem freundlichen L\u00e4cheln erz\u00e4hlt, wie sie nach New York kam, um einen der bedeutenden F\u00e4lle von internationalem Kunstdiebstahl mit aufzukl\u00e4ren. Die Kustodin des Kupferstichkabinetts der Kunsthalle Bremen hat seit 1993 die abenteuerliche Geschichte von 12 Zeichnungen aus der Bremer Kunsthalle mitverfolgt, die nach dem Ende des zweiten Weltkrieges verschwanden. Seit dem 10. Mai 1999 sind die 12 Zeichnungen Gegenstand eines Strafprozesses vor dem United District Court in Manhattan, bei dem Anne R\u00f6ver-Kann als Expertin ausgesagt hat, da sie die Bilder bestens kennt und bei der Wiederbeschaffung der Zeichnungen ma\u00dfgeblich beteiligt war.<\/p>\n<p class=\"Body\">W\u00e4hrend des Krieges waren die 12 Bilder, von denen das \u201eFrauenbad&#8221; von D\u00fcrer sicher das Bekannteste ist, in einem Schlo\u00df in Karnzow bei Berlin ausgelagert.<\/p>\n<p class=\"Body\">Am Ende des Krieges wurden in dem Schlo\u00df russische Soldaten einquartiert. Eine Hausangestellte soll den russischen Soldaten das Versteck hinter einer doppelten Mauer im Keller des Schlosses verraten haben. Der verantwortliche Major, im Zivilberuf Architekt, hat dann die Bilder in die UsSSR mitgenommen und dem Direktor des Architekturmuseums in Moskau \u00fcbergeben. Von den rund 600 Zeichnungen aus dem Schlo\u00df bei Karnzow wu\u00dfte man, da\u00df etwa 100 in der Petersburger Eremitage, 100 im Puschkin-Museum in Moskau und weitere 100 in der deutschen Botschaft lagerten. Von den restlichen Zeichnungen &#8211; darunter den 12 aus Bremen &#8211; fehlte jede Spur.<\/p>\n<p class=\"Body\">Erst 1993 tauchten die Bilder pl\u00f6tzlich in einer Ausstellung des Museums in Baku in Aserbaidschan auf. Die Deutsche Botschaft hat dort in einem Zeitungsbericht die Bilder gesehen und die Bremer Kunsthalle informiert. Der Direktor der Kunsthalle Salzmann wollte sich gleich nach Baku aufmachen, um die Bilder zu pr\u00fcfen. Kurz vor seiner Abreise wurden die zw\u00f6lf Bilder aus dem Museum gestohlen.<\/p>\n<p class=\"Body\">Einige Zeit war es wieder ruhig um die Bilder. Mitte der 90er Jahre wurden sie kurz dem Auktionshaus Sotheby\u2019s in New York angeboten. Da das FBI eingeschaltet wurde, haben sich die Anbieter aber gleich wieder zur\u00fcckgezogen.<\/p>\n<p class=\"Body\">Erst im April 1997 nimmt ein Japaner mit der deutschen Botschaft in Tokyo Kontakt auf und bietet die 12 Zeichnungen f\u00fcr zun\u00e4chst 12 Mio. US-Dollar an. Es ist ein nierenkranker Mann, der sich sp\u00e4ter als Verbindungsmann zu den Eigent\u00fcmern herausstellt und der die zu erwartende Provision zur Deckung der hohen Dialyse-Kosten brauche. Obwohl die Kunsthalle gro\u00dfes Interesse an den Zeichnungen hat, ist man nat\u00fcrlich nicht bereit, einen so \u00fcberh\u00f6hten Preis zu zahlen. Es ist h\u00f6chsten an eine Finderlohn zu denken. W\u00e4hrend der anschlie\u00dfenden Gespr\u00e4che, von denen eines auch in Bremen stattfand, wurde der Japaner auf 6 Mio. $ heruntergehandelt.<\/p>\n<p class=\"Body\">Richtig spannend wurde es f\u00fcr Anne R\u00f6ver-Kann dann bei dem Besuch in New York im September 1997, als die Bilder \u00fcbergeben werden sollten. Mittlerweile war der amerikanische Zoll in der Angelegenheit eingeschaltet und bei den Gespr\u00e4chen mit einem verdeckten Ermittler beteiligt, der als \u201eGesch\u00e4ftskontakt&#8221; in New York vorgestellt wurde. Der Japaner sollte in New York von aserbaidschanischen Mittelsm\u00e4nnern die Originale erhalten.<\/p>\n<p class=\"Body\">Aydyn I., ein in Aserbaidschan sehr bekannter Ringer und Wirtschaftstycoon, sowie seine Frau Natavan A. haben die Zeichnungen nach New York geflogen und bei einem Landsmann namens Ibrahim, ebenfalls Ringer, zwischengelagert.<\/p>\n<p class=\"Body\">Da es sich bei den Kunstdieben offensichtlich nicht um Profis handelte, gestaltete sich die ganze \u00dcbergabeaktion eher wie eine entgleiste Jerry Cotton-Aktion: der \u00dcbergabetermin f\u00fcr die ersten sechs Bilder an einem Bankschlie\u00dffach platzte, weil der passende Schl\u00fcssel nicht da war. Frau Natavan, die extra anreiste und den Schl\u00fcssel bei sich trug, war mit ihrem Flugzeug in London h\u00e4ngen geblieben.<\/p>\n<p class=\"Body\">Um nun doch noch wenigstens einige der anderen sechs Bilder zu sehen, sollten Anne R\u00f6ver und der getarnte Zollbeamte (der mit Mikrofonen und Ortungssendern \u201egespickt&#8221; war) mit den Hehlern nach \u201eKlein Odessa&#8221; in den Stadtteil Brightonbeach nach Brooklyn fahren. Nach langem hin und her einigte man sich schlie\u00dflich darauf, da\u00df man im Konvoi mit einem Taxi den Hehlern hinterher f\u00e4hrt, wobei diese das Taxi versehentlich abh\u00e4ngten. Der Kontakt wurde wieder hergestellt und drei Tage sp\u00e4ter fand dann schlie\u00dflich die tats\u00e4chliche \u00dcbergabe in einem Hotelzimmer in Manhattan statt, bei dem 6 Originale (davon f\u00fcnf der Bremer Zeichnungen) \u00fcbergeben wurden. Beim Verlassen des Geb\u00e4udes wurden der Japaner und die zwei aserbaidschanischen Kontaktleute Ibrahim und Natavan in der Hotelhalle festgenommen. Bei anschlie\u00dfenden Hausdurchsuchungen wurden alle Zeichnungen wohlbehalten vorgefunden.<\/p>\n<p class=\"Body\">Der schwer kranke Japaner gestand alle Mitschuld und wurde wegen seines Gesundheitszustandes und gegen Kaution nach Japan freigelassen. Eigentlich hatte er als Hauptbelastungszeuge aussagen sollen, ist aber mittlerweile verstorben. Frau Natan A., die pikanterweise in Aserbaidschan Staatsanw\u00e4ltin ist, beteuert aber weiterhin ihre Unschuld und behauptet, nur als Mittlerin f\u00fcr die \u201eEigent\u00fcmer&#8221; der Zeichnungen fungiert zu haben.<\/p>\n<p class=\"Body\">Nach den Worten des Deutschen Kulturattach\u00e9s in New York, Ludwig Linden, hat dieser Fall Signalwirkung f\u00fcr die internationalen Kunsthehler. Wegen des hohen Wertes der Gegenst\u00e4nde wurde nicht nur ein zivilrechtliches Verfahren, sondern ein Strafproze\u00df vor dem United District Court angestrengt. Den Angeklagten drohen im Falle einer Verurteilung Strafen von drei bis f\u00fcnf Jahren Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p class=\"Body\">In dieser Woche (ab dem 17. Mai) wird das Gericht den genauen Weg der Bilder von Bremen \u00fcber Baku nach New York rekonstruieren. Dies ist vor allem f\u00fcr die Frage bedeutend, die im anschlie\u00dfenden Zivilproze\u00df beantwortet werden mu\u00df: Wer ist der rechtm\u00e4\u00dfige Besitzer der Zeichnungen? Die Bremer Kunsthalle oder das Museum in Baku, das vorgibt, die Kunstwerke im guten Glauben erstanden zu haben.<\/p>\n<p class=\"Body\">Der auf internationale Kunstdiebst\u00e4hle spezialisierte Rechtsanwalt Korte geht davon aus, da\u00df der zweite Proze\u00df mit etwas Gl\u00fcck schon in drei Monaten abgeschlossen sein kann. Nach der anzuwendenden Haager Landkriegsordnung von 1899, dem Vorl\u00e4ufer der Genfer Konventionen, sieht der Fall f\u00fcr Bremen recht gut aus: demnach d\u00fcrfen Kunstwerke nicht \u201egepl\u00fcndert&#8221; werden und sind den urspr\u00fcnglichen Eigent\u00fcmern zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n<p class=\"Body\">Solange die Prozesse nicht abgeschlossen sind, werden die Zeichnungen allerdings noch in der Asservatenkammer des Zolls im World Trade Center gelagert.<\/p>\n<p class=\"Body\">Anne R\u00f6ver-Kann hat die Zeichnungen im Rahmen der Beweisaufnahme dort schon sehen k\u00f6nnen und meint, da\u00df sie wieder gut herstellbar sind, obwohl sie etwas \u201eschmuddelig und mitgenommen&#8221; aussehen. Wenn sie hoffentlich bald nach mehr als 56 Jahren wieder nach Hause kommen, wird man f\u00fcr sie in der wiederer\u00f6ffneten Kunsthalle mit Sicherheit einen Sonderplatz organisieren.<\/p>\n<p class=\"Body\">Schon seit Jahrzehnten kam Anne R\u00f6ver-Kann regelm\u00e4\u00dfig nach New York. Jetzt ist sie aber froh, wieder nach Bremen zur\u00fcckzufliegen. \u201eZwei Wochen in dieser Stadt sind ja doch sehr anstrengend!&#8221;<\/p>\n<p class=\"Body\">Text: Horst Seele-Liebetanz<br \/>\nFoto: \u00a9 Petra Liebetanz<\/p>\n<p class=\"Body\"><a href=\"https:\/\/www.liebetanz.com\/hsl\/journalism\/\">Back<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine ungew\u00f6hnliche Reise nach York hat vor zwei Wochen Anne R\u00f6ver-Kann aus Bremen angetreten. Nicht um sich das Empire State Building, den Central Park und das Guggenheim-Museum anzuschauen, ist sie \u00fcber den gro\u00dfen Teich geflogen, sondern um an einem Gerichtsproze\u00df teilzunehmen. 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